History Jute

Foto Wikipedia

1978 war das Jahr der “Jutetasche“.
Braun, kratzig, 2,50 DM kostend und etwas muffelig riechend. Meine Mutter hatte sie auch. Ich glaube „Atomkraft – Nein Danke“ stand darauf gedruckt. Fast alle hatten so einen Tragebeutel aus Jute. Es explodierte ein neues Umweltbewusstsein. „Jute statt Plastik“ wurde zum Slogan einer ganzen Generation. In den Innenstädten tauschten Aktionsgruppen Plastiktüten gegen Jutetaschen. Jeder wollte eine haben. Sie war ein Zeichen, das unser Lebensstil der Wegwerf-Mentalität zu Lasten der Dritten Welt ging. 5 Millionen Jutetaschen produzierten Frauen aus Bangladesch für Deutschland, verdienten damit Geld und konnten sogar kleine Unternehmen gründen.
Die Jutetasche war so meine erste Erinnerung an diese Naturfaser.

Seit einiger Zeit erlebt die Jutefaser ein Comeback im Interior-Bereich.
So bringen stylische Juteteppiche eine gemütliche, exotische Natürlichkeit in unser Heim. Im Bau wird Jute als Dämmstoff verwendet und dient als Trägermaterial für Linoleum. Die Fasern werden auch für Verpackungsmaterialien (Säcke/Beutel), Spezialpapiere und grobe Garne verwendet.

Und klar … mit Jute lässt es sich auch dekorativ Häkeln oder Hänfkeln.
So nennt mein Cadoohartland die Häkelkunst mit groben Garnen. „Hast Du heute schon gehänfkelt?“ ist mein Slogan und immer mehr Fans zeigen sich einer Bindfadenhäkelei positiv aufgeschlossen.
Der schönste Bindfaden dafür ist die Jute, meine ich.

Werkstücke im Outdoor-Bereich sollten aber regengeschützt sein, da die Faser an Stärke verliert, wenn sie Wasser ausgesetzt ist. Das lässt sie auch gut verrotten. Als Naturfasern sind Jutefasern daher vollständig biologisch abbaubar. Das allein ist doch schon einmal ein Grund, das Häkeln mit der „goldenen Faser“ zu versuchen. Ich gebe zu, es ist nicht einfach mit einem etwas starren Garn zu arbeiten; das Ergebnis jedoch macht alle Mühen wett.

Meine Empfehlung anfänglich zum Häkeln/Hänfkeln: das Jutegarn tex500x3, NM 2/3, Fadenstärke ca. 1,75-2mm und die Häkelnadel EU Nr.4,5 … und der feste und ambitionierte Wille.
„Einfach“ kann jeder 😉

Und wer trägt nicht gerne die wunderbaren Espadrilles im Sommer mit ihren Jutesohlen?

Meine Empfehlung: Sophie and Me – der Etsy-Shop der Norwegerin Ingunn Santini, die sich als eine der ersten Designerinnen  an gehäkelte Sohlen
(Soles for Slippers) wagte.

Häkelanleitungen nur in Englischer Sprache: 
PDFPatternDesign by Ingunn Santini

 

 

Aber was ist denn die Jute eigentlich genau? Woraus besteht sie?
Hier etwas Geschichte über die Naturfaser:

Foto Malcolm Manners CCBY2.0

Anbau von Jute

Jute ist eine Regenfeldpflanze, die vor allem in Bangladesch, Indien, China und Thailand angebaut wird. Die Jutefaser wird aus dem Stängel und dem Band (Außenhaut) der Jutepflanze gewonnen. Die Fasern werden zunächst durch Rösten gewonnen. Bei der Rotte werden die Jutestängel gebündelt und in fließendes, niedriges Wasser getaucht. Es gibt zwei Arten der Rotte: die Stammrotte und die Bandrotte. Nach dem Rotteprozess beginnt das Abziehen.  Dabei werden die nicht faserigen Teile abgeschabt, dann greifen die Arbeiter in das Innere des Jutestängels und holen die Fasern heraus.
Die isolierten Fasern werden anschließend in fließendem Wasser gewaschen, getrocknet und dann oft mit mineralhaltigen Ölen behandelt, das „Batschen“ genannt wird. In Jutewerken wird dann aus der Naturfaser ein Garn hergestellt. Hier wird es ausgewaschen, vom Öl befreit und zu Stoffen oder anderen Produkten weiterverarbeitet.

Es gibt fast 40 Corchorus-Arten, davon 2 Arten, die zur Fasergewinnung genutzt werden.
Jute-Blätter sind die Blätter der beiden Corchorus-Pflanzen „Corchorus capsularis” und „Corchorus olitorius” und aus der Familie der Malvengewächse. Jute-Blätter sind grün und gezackt und haben eine etwas schleimige Konsistenz, ähnlich der Konsistenz von Okraschoten.

Lecker auf den Tisch:
Während die Stängel zur Herstellung von Jutefasern verwendet werden, sind die Blätter z.B. auch essbar. Das Jute-Blätter auch als Nahrungsmittel verwendet werden können, weiß in Deutschland kaum jemand. Jute-Blätter sind aber ein beliebtes Gemüse in West-Afrika, dem Nahen Osten und in der Thai-Küche, wobei die Blätter der Corchorus capsularis mehr in Asien und die Blätter der Corchorus olitorius eher in Afrika und im Nahen Osten verwendet werden. Die Yoruba in Nigeria nennen es “ewedu” und die Songhay in Mali “fakohoy”.  Auch in den nördlichen Provinzen der Philippinen ist es ein beliebtes Gericht, das auch als Saluyot bekannt ist. Muluchiya, Melukhiya … z.B. ist ein Nationalgericht der Ägypter: ein Eintopf/Suppe aus Jute mit Gemüse, Koriander, Knoblauch, Geflügel, Kaninchen, Lamm, Shrimps, etc. Die langkapselige Jute oder Maltajute (deutsch auch Muskraut oder Gemüsejudenpappel), die hier verwendet wird ist reich an Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen.

Welt Historisch (Quelle: http://worldjute.com/about_jute/juthist.html)
China
Bei der Recherche stieß ich immer wieder auf einen chinesischen Ursprung. Chinesische Papiermacher wählten von alters her fast alle Pflanzenarten wie Hanf, Seide, Jute, Baumwolle usw. für die Papierherstellung. Qiu Shiyu, Forscher an der Akademie der Wissenschaften in Harbin und Experte für die Geschichte der Jin, kam zu dem Schluss, dass Juden früher an der Gestaltung von “Jiaozi” aus grobem Jutepapier beteiligt waren. Ein kleines Stück Jutepapier mit chinesischen Schriftzeichen wurde 2006 in Dunhuang in der Provinz Gansu im Nordwesten Chinas entdeckt. Man nimmt an, dass es während der Westlichen Han-Dynastie (206 v. Chr. – 220 n. Chr.) hergestellt wurde.

Jute im Altertum
Jute wird seit dem Altertum in Afrika und Asien verwendet, um aus den Stängeln Tauwerk und Webfasern und aus den Blättern Nahrungsmittel herzustellen. In mehreren historischen Dokumenten (Ain-e-Akbari von Abul Fazal aus dem Jahr 1590) aus der Zeit des großen Mogulkaisers Akbar (1542-1605) heißt es, dass die armen Dorfbewohner Indiens Kleidung aus Jute trugen. Einfache Handwebstühle und Handspinnräder wurden von den Webern benutzt, die auch Baumwollgarne spannen konnten. Aus der Geschichte geht auch hervor, dass die Inder, insbesondere die Bengalen, seit alters her Seile und Schnüre aus weißer Jute für den Haushalt und andere Zwecke verwendeten.

Zeitraum ab dem 17. Jahrhundert
Die Britische Ostindien-Kompanie war die vom 17. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in Indien beauftragte Behörde des britischen Empire. Die Gesellschaft war der erste Jutehändler. Im 19. Jahrhundert handelte das Unternehmen hauptsächlich mit Rohjute. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann das Unternehmen, mit der Juteindustrie in der schottischen Stadt Dundee Rohjute zu handeln. Dundee erhielt in der Folgezeit den humorvollen Beinamen „Juteopolis“.
In dieser Zeit hatte das Unternehmen ein Monopol auf diesen Handel. Margaret Donnelly I. war in den 1800er Jahren Grundbesitzerin einer Jutemühle in Dundee. Sie richtete die ersten Jutemühlen in Indien ein. Die Unternehmer der Juteindustrie von Dundee in Schottland wurden die Jutebarone genannt.

1793 exportierte die East India Company die erste Lieferung von Jute. Dieser ersten Lieferung, 100 Tonnen, folgten in unregelmäßigen Abständen weitere. Schließlich gelangte eine Lieferung nach Dundee in Schottland, wo die Flachsspinner wissen wollten, ob Jute maschinell verarbeitet werden konnte.

(Photo courtesy of University of Dundee Archive Services) © Women weavers at their looms inside Dens Works, c.1908, photograph, 20 x 25 cm, photographer unknown

Ab den 1830er Jahren lernten die Spinner in Dundee, wie man Jutegarn spinnt, indem sie ihre motorgetriebenen Flachsmaschinen modifizierten. Mit dem Aufschwung der Juteindustrie in Dundee stiegen auch die Produktion und der Export von Rohjute vom indischen Subkontinent, der der einzige Lieferant dieses Rohstoffs war.

Wo Industriegeschichte zur lebendigen Gegenwart wird, Verdant Works in Dundee: (Quelle: https://www.erih.de/da-will-ich-hin/site/verdant-works)

Der Boden erbebt, wenn die Fabrik zum Leben erwacht. Karden, Streckbänke, Spinn- und Webmaschinen kämmen, strecken, zwirbeln, spinnen und weben jene Faser, für die Dundee einst berühmt war: Jute. Im späteren 19. Jahrhundert gab es in der schottischen Hafenstadt so viele Jutewerke wie sonst nirgends auf der Welt. Verdant Works ist eines davon und zugleich das letzte, das noch vollständig intakt ist. Der Besucher erlebt die Vergangenheit der örtlichen Textilindustrie aus erster Hand. In den Werksbüros belauscht er die Buchhalter bei ihren Gesprächen. Zusammen mit Ballen roher Jute reist er im Frachtraum eines Schnellseglers von Indien nach Dundee. Bestürzt erfährt er von dem harten Leben der Kinder, die in den Manufakturen schufteten, vergleicht das Leben eines Fabrikmädchens mit dem Luxus der Jutebarone und ihrer Familien und sieht – wie für die örtlichen Textilfabriken üblich – vor allem Frauen an den Maschinen stehen. Filme, interaktive Computerprogramme, audiovisuelle Szenarios, der Ölgeruch und der Lärm der laufenden Maschinen machen Verdant Works zu einem lebendigen Museum.
Homepage: https://www.verdantworks.co.uk/

Jutesäcke, die für Getreide benutzt wurden, waren damals sehr wertvoll. Jeder Besitzer stempelte seine eigenen Säcke, um sie nach der Auslieferung wieder zurückzubekommen. In manch einer Getreideschütte kann man heute noch Farbstempelabdrücke an den Wänden entdecken (Schüttkasten Schloss Petronell des Grafen Abensperg-Traun, (Quelle: http://archaeologos.at/auf-den-spuren-der-herrschaft-petronell/)

1861 gründete der Industrielle Julius Spiegelberg (1833-1897) die erste Jutespinnerei 1861 auf dem europäischen Festland in Vechelde bei Braunschweig. Im Jahr 1866 produzierte das Unternehmen wöchentlich etwa 500-600 Zentner Jutegarn. Der Betrieb bestand bis 1926.

Zeitraum ab 1855
Kalkutta (heute Kolkata) hatte den Rohstoff in unmittelbarer Nähe, da die Juteanbaugebiete hauptsächlich in Bengalen lagen. Es gab ein reichhaltiges Angebot an Arbeitskräften, reichlich Kohle für die Stromerzeugung, und die Stadt war ideal für den Versand zu den Weltmärkten gelegen. Die erste Jutemühle wurde 1855 in Rishra am Fluss Hooghly in der Nähe von Kalkutta errichtet, als George Acland Jutespinnmaschinen aus Dundee mitbrachte. Vier Jahre später wurde die erste motorbetriebene Weberei errichtet.

Bis 1869 waren fünf Webereien mit 950 Webstühlen in Betrieb. Das Wachstum war rasant, und bis 1910 exportierten 38 Unternehmen mit 30.685 Webstühlen mehr als eine Milliarde Yards Stoff und über 450 Millionen Säcke. Bis Mitte der 1880er Jahre beschränkte sich die Juteindustrie fast ausschließlich auf Dundee und Kalkutta. Frankreich, Amerika und später auch Deutschland, Belgien, Italien, Österreich und Russland wandten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Juteherstellung zu.

In den folgenden drei Jahrzehnten erlebte die Juteindustrie in Indien einen noch bemerkenswerteren Aufschwung und erreichte bis 1939 mit insgesamt 68 377 Webstühlen, die sich vor allem auf den Hooghly-Fluss in der Nähe von Kalkutta konzentrierten, eine führende Position. Allein diese Fabriken waren in der Lage, die Weltnachfrage zu decken.

Die ersten Waren, die in Dundee aus Jute gewebt wurden, waren grobes Sackmaterial. Mit zunehmender Erfahrung wurden jedoch feinere Stoffe hergestellt, die in Indien als Sackleinen oder Jute bekannt sind. Diese hochwertigen Stoffe fanden reißenden Absatz, und schließlich begannen die indischen Jutefabriken, diese Stoffe herzustellen. Der natürliche Vorteil, den diese Fabriken genossen, machte Kalkutta bald zum Weltmarktführer bei Sackleinen und Sackstoffen, und die Fabriken in Dundee und anderen Ländern wandten sich Spezialitäten zu, von denen eine große Vielfalt entwickelt wurde

photographer unknown, “Aus den Schützengräben zu Ehren des Königs” inmitten von Jutesäcken

1.Weltkrieg
Eine letzte große Exportwelle im Britischen Kolonialreich gab es während des 1. Weltkrieges, als mehr als eine Milliarde Jutesäcke als Sandsäcke an die Front geschafft wurden. Sie dienten als Stabilisierung der ausgehobenen Schützengräben und als Schutz vor Gewehrkugeln.

Die Juteindustrie nach 1947
Nach dem Fall des britischen Empire in Indien im Jahr 1947 begannen die meisten Jutebarone, Indien zu verlassen und ließen die Juteindustrie zurück. Die meisten Jutefabriken in Indien wurden von den Geschäftsleuten aus Marwara übernommen.

In Ostpakistan gab es nach der Teilung 1947 keine Juteindustrie mehr, aber es verfügte über den besten Bestand an Jutefasern.  Als die Spannungen zwischen Pakistan und Indien zunahmen, verspürten die Pakistaner das Bedürfnis, ihre eigene Juteindustrie aufzubauen. Mehrere pakistanische Familien (hauptsächlich aus Westpakistan) stiegen in das Jutegeschäft ein und gründeten mehrere Jutemühlen in Narayanganj im damaligen Ostpakistan, darunter die wichtigsten: Bawanis, Adamjees, Ispahanis und Dauds. Nach der Befreiung Bangladeschs von Pakistan im Jahr 1971 wurden die meisten der in pakistanischem Besitz befindlichen Jutefabriken von der Regierung Bangladeschs übernommen. Um diese Jutemühlen in Bangladesch zu kontrollieren, gründete die Regierung später die Bangladesh Jute Mills Corporation (BJMC).

 

Und …?
Heute schon gehänfkelt?

 

 

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